Am 15. Mai feiert die PARABEL. Zentrum für Kunst in Hamburg ihr einjähriges Bestehen. In kurzer Zeit hat sich das Ausstellungshaus in der ehemaligen Nikodemuskirche in Hamburg-Ohlsdorf zu einem besonderen Ort für Kunst, Begegnung und Diskussion entwickelt. Ausstellungen zur Hamburger Kunstgeschichte, zeitgenössische Positionen, Vorträge, Führungen und Konzerte haben viele Besucherinnen und Besucher angezogen – und zugleich gezeigt, wie groß das Interesse an einem solchen Ort ist.
Im Gespräch blickt die Kunsthistorikerin und Gründerin Dr. Maike Bruhns auf die Anfänge der PARABEL zurück, spricht über Herausforderungen, die Bedeutung Hamburger Kunst und darüber, warum Kunstvermittlung heute wichtiger denn je ist.
Frau Dr. Bruhns, die PARABEL feiert ihr einjähriges Bestehen. Wenn Sie heute durch das Haus gehen – was empfinden Sie dabei?
Es ist vor allem ein gutes Gefühl, bereits etwas geschafft zu haben. Gleichzeitig ist da die Hoffnung, dass sich dieses Projekt weiterentwickelt und dauerhaft Bestand haben wird. Nach den intensiven vergangenen Jahren und dem ersten vollständigen Ausstellungsjahr ist es schön zu sehen, dass die PARABEL angenommen wird und sich langsam als Ort für Kunst in Hamburg etabliert.
Die Idee zur PARABEL liegt viele Jahre zurück. Was war ursprünglich der Ausgangspunkt?
Am Anfang stand vor allem der Wunsch, die Sammlung dauerhaft zu erhalten und gut unterzubringen. Über Jahrzehnte hinweg sind Werke zusammengekommen, die eng mit meiner wissenschaftlichen Arbeit zur Hamburger Kunst verbunden waren. Irgendwann wurde deutlich, dass diese Sammlung einen Ort braucht – nicht nur als Depot, sondern als öffentlichen Raum, in dem Kunst sichtbar, erfahrbar und erforschbar werden kann.
Warum braucht Hamburg heute einen Ort wie die PARABEL?
Weil Hamburg bis heute kein eigenes Haus für die Kunst dieser Stadt besitzt. In vielen anderen Städten – München, Nürnberg, Augsburg, Frankfurt oder Kiel – gehören Einrichtungen für regionale Kunst längst selbstverständlich zur Kulturlandschaft. In Hamburg existierte ein solcher Ort bisher nicht. Mit der PARABEL wird diese Lücke nun erstmals geschlossen – bemerkenswerterweise aus privater Initiative heraus.
Viele Besucherinnen und Besucher sagen, sie hätten gar nicht gewusst, wie vielfältig die Hamburger Kunstgeschichte ist.
Das überrascht mich persönlich nicht. Ich weiß seit vielen Jahren, wie reich und vielschichtig die Hamburger Kunstgeschichte ist. Aber es freut mich natürlich sehr, wenn Besucherinnen und Besucher diese Entdeckung hier machen. Genau dafür ist die PARABEL gedacht: um sichtbar zu machen, was lange kaum wahrgenommen wurde.
Die PARABEL versteht sich nicht nur als Ausstellungshaus, sondern auch als Ort der Vermittlung. Warum ist Ihnen das wichtig?
Aus meiner langjährigen museumspädagogischen Praxis weiß ich, dass Vermittlung den Blick auf Kunst entscheidend verändern kann. Kunst eröffnet Denk- und Erfahrungsräume, die viele Menschen ohne zusätzliche Impulse oft nur intuitiv erfassen – oder gar nicht. Gute Vermittlung bedeutet nicht, Kunst zu erklären oder festzulegen, sondern Horizonte zu öffnen und Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Viele Besucher erleben beim Betreten der PARABEL einen regelrechten Überraschungsmoment. Was macht diesen Raum für Sie besonders?
Der ehemalige Kirchenraum besitzt eine außergewöhnliche Atmosphäre. Die großen Parabelbögen erinnern an einen umgekehrten Schiffsrumpf. Gleichzeitig vermittelt das ehemalige Kirchenschiff eine besondere Geborgenheit. Diese Wirkung ist geblieben – auch jetzt als Ausstellungsraum. Viele Besucher spüren das sofort.
Das erste Jahr war sicher intensiv. Wie sehr hat die PARABEL Ihr Leben bestimmt?
Das Eröffnungsjahr 2025 war für mich persönlich ein Jahr nahezu vollständiger Beanspruchung durch dieses Projekt. Der Aufbau eines solchen Hauses verlangt enorme Energie, unzählige Entscheidungen und die Bereitschaft, ständig neue Aufgaben zu übernehmen. Das prägt den Alltag natürlich sehr. Gleichzeitig wäre die Realisierung der PARABEL ohne die Unterstützung meiner Familie nicht möglich gewesen. Besonders meine Söhne Sönke Bruhns, der die Geschäftsführung übernommen hat, und Arnt Bruhns haben das Projekt über Jahre hinweg mit großem persönlichem Einsatz begleitet und entscheidend mitgetragen.
Was hat Sie im ersten Jahr besonders berührt oder überrascht?
Mich hat beeindruckt, wie viele Fachleute gekommen sind, um die PARABEL und die Ausstellungen anzusehen und kritisch zu prüfen. Neben vielen neugierigen Besucherinnen und Besuchern kamen Kunsthistoriker, Künstler, Kuratoren und Menschen aus dem Kulturbereich. Dass die meisten Reaktionen und Einschätzungen positiv waren, hat mich sehr gefreut.
Die ersten Ausstellungen beschäftigten sich intensiv mit Zeitgeschichte und gesellschaftlichen Fragen. Warum war Ihnen dieser Schwerpunkt wichtig?
Weil Kunst immer auch individuelle Reaktionen auf Zeit- und Sozialgeschichte enthält. Künstlerinnen und Künstler beobachten ihre Gegenwart oft sehr genau und reagieren auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen – manchmal sensibler und nachhaltiger als öffentliche Debatten. Dennoch erhalten solche künstlerischen Kommentare meist weit weniger Aufmerksamkeit als politische Ereignisse selbst. Die PARABEL möchte genau diese Perspektiven sichtbar machen.
Sie zeigen bewusst auch Künstlerinnen und Künstler, die lange wenig Beachtung fanden. Ist das für Sie auch eine Form kultureller Verantwortung?
Ja, durchaus. Viele wichtige Positionen sind über Jahrzehnte aus dem öffentlichen Blick geraten oder wurden nie ausreichend gewürdigt. Es gehört für mich zur Aufgabe eines Hauses wie der PARABEL, solche Werke und Biografien wieder sichtbar zu machen und neu einzuordnen.
Wie entwickelt sich die Stiftung Kunstsammlung Dr. Maike Bruhns weiter?
Die Sammlung soll weiterhin bis in die Gegenwart ergänzt werden. Der Schwerpunkt lag ursprünglich stark auf der verfemten und verfolgten Kunst während der NS-Zeit. Heute geht es zusätzlich darum, die Entwicklung Hamburger Kunst insgesamt weiterzuverfolgen und neue Positionen in die Sammlung aufzunehmen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der PARABEL?
Ich wünsche mir vor allem, dass die regionale Presse die Ausstellungen weiterhin regelmäßig ankündigt und bespricht, damit noch mehr Menschen auf die PARABEL aufmerksam werden. Und natürlich hoffe ich, dass sich weitere Unterstützerinnen und Unterstützer für dieses Projekt engagieren. Die PARABEL ist eine Privatinitiative – und damit auch auf langfristige Förderung angewiesen.
Ein besonderer Höhepunkt wird die kommende Ausstellung zu Rolf Nesch sein. Was fasziniert Sie an ihm?
Rolf Nesch war für mich ein Künstler von großer Konsequenz. Er ließ sich in der NS-Zeit nicht verbiegen und emigrierte nach Norwegen, um seine Kunst vor politischen Eingriffen zu bewahren. Dafür zahlte er letztlich beinahe mit seinem Leben. Seine Biografie und sein Werk stehen beispielhaft für viele Brüche und Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Mit dem Materialbild „Alster“ kehrt ein bedeutendes Werk nach Hamburg zurück. Was bedeutete dieser Moment für Sie?
Wir haben uns darüber sehr gefreut – auch wenn die Restaurierung mit erheblichen Kosten verbunden war, die wir selbst getragen haben. Dieses Werk besitzt eine enorme Bedeutung.
Warum ist dieses Bild so wichtig?
„Alster“ ist im Zusammenhang mit der Biografie von Rolf Nesch ein Schlüsselwerk der Hamburger Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig ist es ein sehr persönliches Dokument seiner Verbundenheit mit Hamburg.
Worauf dürfen sich Besucherinnen und Besucher der Ausstellung besonders freuen?
Vor allem auf die späten Gemälde von Nesch und auf die großen grafischen Zyklen, die noch vor 1933 in Hamburg entstanden sind. Viele dieser Arbeiten sind heute kaum bekannt und werden in dieser Form nur selten gezeigt.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich, wenn Menschen die PARABEL verlassen?
Dass sie wiederkommen.