Aktuelles

Interview mit Johannes Duwe zur Ausstellung „Vivre en liberté – Harald Duwe zum 100. Geburtstag“

Ein persönliches Gespräch mit Johannes Duwe über Harald Duwe, Erinnerungen und die Ausstellung „Vivre en liberté“.Hamburg, 12.05.2026

Im Rahmen der aktuell gezeigten Ausstellung „Vivre en liberté – Harald Duwe zum 100. Geburtstag“ freuen wir uns sehr, den Sohn des Künstlers, Johannes Duwe, für einige Fragen gewonnen zu haben. Als Künstler, Teil der Erbengemeinschaft Harald Duwe und Mitkurator der Ausstellung gibt er persönliche Einblicke in das Werk seines Vaters, gemeinsame Erinnerungen und die Entstehung der Ausstellung in der PARABEL. Zentrum für Kunst in Hamburg.

Sie sind selbst Maler und zugleich Sohn von Harald Duwe. Wie gehen Sie mit dieser Doppelrolle um? Ist das Werk Ihres Vaters eher Inspiration, Herausforderung – oder manchmal auch beides? Und inwiefern setzen Sie seine gesellschaftskritischen Themen in Ihrer eigenen Arbeit fort?

Diese Frage ist insofern nicht einfach zu beantworten, weil sie sehr umfassend gestellt ist.

Mein Vater war für mich in vielen Zusammenhängen ein starkes Vorbild. Mein frühkindliches Vertrauen hat sich später in einer hohen Meinung von ihm gefestigt, die bis zum heutigen Tag nie durch Zweifel getrübt war. Das heißt nicht, dass es keine Kritik gab – die wurde auch eingefordert und diskutiert. Das Streitgespräch über Kunst und Politik war Teil des Familienlebens.

Harald Duwe hat sich nie als nachzuahmendes Genie aufgespielt, sondern immer gesagt, dass große Kunst in der Kunsthalle sei. Dort zeigte er mir seine Idole, und dort fand auch ich meine Vorbilder. Es galt also zunächst der Satz, dass Kunst von Kunst herkomme.

Er war ein guter Lehrer. Er half, wenn ich um Hilfe bat. Sehr selten hat er sie mir aufgedrängt. Und sein erstaunlich wacher Blick ist mir bis zum heutigen Tag Ansporn geblieben, auch selber die Augen offen zu halten. Frei nach dem Motto: „Alle Kunst geht von der Anschauung aus!“

Das künstlerische Programm meines Vaters, wenn man es vereinfachend so nennen möchte, ist Ausdruck einer sehr komplexen eigenen Geschichte. Meine Geschichte ist eine vollkommen andere. Die Grundhaltung, dass alle bildende Kunst von der Anschauung ausgeht und vor allem ein visuelles Ereignis ist, hat bei mir zu einem ganz anderen Werk geführt.

Ich habe immer in dem Bewusstsein gelebt, dass wir uns zivilisatorisch auf einem hohen Gipfel bewegen – vielleicht auch mit der Gefahr abzustürzen. Aber meine Bilder spiegeln eher Schönheit, Wohlstand und die Vergänglichkeit von allem. Für meinen Vater, der seine Kindheit in der Weimarer Krise, seine Jugend im Dritten Reich und mit Krieg erlebte, waren die geistigen Abgründe und die sich daraus ergebende Bedrohungslage allgegenwärtig.

Aber in besonderen Situationen habe auch ich mich mit Bildern kritisch positioniert.

Was die stilistische Verwandtschaft von Sohn zum Vater angeht, würde ich allen Kunstfreunden empfehlen, die unsere Werke zueinander in Beziehung setzen, angesichts des Ähnlichen ein Vergnügen im Unterscheiden zu finden.

Wir sind überzeugte Traditionalisten. Der schmale Grat sinnvoller Innovation bleibt eine Frage des Charakters, auf den wir uns selbstbewusst verlassen, indem wir unseren Augen und unserem Denkvermögen vertrauen.

Meine Herkunft zu überwinden oder schlimmer noch zu verleugnen, ist mir nie in den Sinn gekommen.

Gemeinsam mit Maike Bruhns haben Sie die Ausstellung zum 100. Geburtstag kuratiert. Wie ist die Idee zu dieser Retrospektive entstanden – und warum war die PARABEL für Sie der richtige Ort dafür?

Maike Bruhns hatte für ihre Sammlung und eine Ausstellung Bilder von Duwe bekommen. So war es bei einem Gedanken an Harald Duwes 100. Geburtstag eine spontane Eingebung, sie zu fragen.

Zwei Stunden nachdem ich auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte, kam der zustimmende Rückruf.

Der Ort war schon deswegen ideal, weil Harald Duwe sich immer zur Region als seiner künstlerischen Herkunft bekannt hat. Arthur Siebelist und dessen Umfeld waren neben Wilhelm Leibl seine frühen Vorbilder, und seine Hochschullehrer waren Mitglieder der Sezession, die einen zentralen Bestandteil der Bruhns’schen Sammlung ausmachen.

Sie sind Teil der Erbengemeinschaft Harald Duwe und verwalten gemeinsam mit Ihren Geschwistern den künstlerischen Nachlass Ihres Vaters. Was bedeutet diese Verantwortung konkret im Alltag – und gab es im Zuge der Ausstellung Werke oder Aspekte, die Sie selbst neu entdeckt oder anders gesehen haben?

Ein neuer Aspekt, den ich für ausbaufähig halte, ist die Mischung von Papierarbeiten mit Ölbildern.

Diese Ausstellung mit einigen Leihgaben schafft allein durch den besonderen Ort, den Maike Bruhns mit ihren Söhnen Arndt und Sönke und dem Architekten Winkler geschaffen hat, neue Perspektiven.

Diese Ausstellung hat in mir Ideen für weitere thematische Ausstellungen dieses Werkes entstehen lassen.

Gibt es persönliche Erinnerungen an die Entstehung einzelner Werke, die Ihnen besonders nah sind? Vielleicht kleine Anekdoten aus dem Atelier oder Momente, die einen anderen, privateren Blick auf Ihren Vater als Künstler ermöglichen?

Sehr viele Erinnerungen sind mit der Mühsal des Hausbaus verbunden. Wie er mit den Füßen im Lehm steckt, eine Baugrube ausschaufelnd, oder wie er mit dem Fäustel und Stemmeisen einen Kanal für die Rohre der neuen Heizung quer durch unser Esszimmer stemmt und sich auf halber Strecke so auf den Daumen schlägt, dass ich dachte, er wird nicht wieder heil.

Natürlich erinnere ich mich auch an viele Male, in denen er uns als Modell „anbettelte“. So sind wir auf einigen Arbeiten zu sehen, die daraus entstanden sind.

In Flensburg hänge ich zum Beispiel prominent mit meiner damaligen Freundin im Museum.

Lieber Johannes, vielen Dank für Deine Zeit und die persönlichen Antworten. Wir haben uns sehr gefreut, durch Deine Erinnerungen und Gedanken noch einmal einen anderen und sehr unmittelbaren Blick auf Harald Duwe und die Ausstellung zu bekommen.

Zurück